Ist Liebe, Ware…einem Kinofilm auf der Spur

Ich liebe den Kinofilm, das Celluloid.

Das Zusammenspiel aus Improvisation, langen Schnitten und Theaterbühn-Elementen. Ich mag es reduziert, klein, wie ein Kammerspiel bei Lars von Trier’s Dogville, oder so zerbrechlich wie Magnolia, oder so kalt und unbarmherzig wie Haneke’s  ‚Das weiße Band‘.

Ein Regisseur der mich einsaugt, ein Kameramann der mich teilhaben läßt, eine Location die mich fordert, dort zu sein, jetzt.

Die schier feinste Freude entsteht, wenn ein großartiges Drehbuch auf großartige Schauspieler auf großartige Musik und großartige Momente trifft.

Und während ich den Film ‚her‘ mit Joaquin Phoenix schaue und jetzt schon verächtliche Blicke kassiere, wie ein Liebesfilm ganz großartig sein kann, wo ein Mensch sich in ein Operation System (OS) verliebt, also eine imaginäre künstliche Intelligenz, bleibt mir nichts weiter zu sagen, als eine der wundervollsten Liebes-Tragödien der letzten Jahrzehnte gesehen zu haben.

Eine Offenbarung der feinfühligen Liebe, des bedingungslosen Kampfes des Ego’s, des Vertrauens, der Menschlichkeit?

Und ich sehe nach draußen, wo Generationen von Generationen von Menschen, als Transhumanisten schon längst, ausschweifend abschweifend, zu einem Operations-System assimilierten. Kalt, lethargisch, gefühlsarm, abgestumpft.

Und während Joaquin Phoenix mit dieser unfassbar großartig weichen feinfühlig sprachgefärbten leisen Frauenstimme Samantha (Scarlett Johansson) kokettiert, läuft im Privatsender ‚Amok TV‘. Geschrei, Angst, Wut, Fäkalitäten, Hass. Und die feminin sonore Frauenstimme sagt “Ich liebe Dich“. Und du sitzt vor diesem Fernseher und glaubst es, du glaubst mehr an die Liebe des binären Systems, als an die Liebe zwischen Sodom&Gomorrha, draußen, auf diesen aalglatten salzhaltigen namenlosen GEZ Straßenzügen der Smartphonenabelschnürbünde.

Und du fragst dich wo jetzt der Unterschied wäre, wenn du eine Fernbeziehung hättest, 8000 Kilometer entfernt, ohne Skype oder Samantha?! Ist der andere echt Echt, wenn du nur seine Stimme hörst? Kann man sich in eine Stimme verlieben?  Ist ein Operation System mit einer menschlichen KI kein Wesen? Und was ist ein Wesen? Ist ein Wesen ein Mensch, der das was er verspricht nicht hält? Und welche Liebe oder welcher Schmerz ist besser aushaltbar? Und was bedeutet eigentlich Schmerz?

“Samantha, ich liebe Dich“

Was ist Liebe? Ist Liebe an ein lebendiges fühlendes Wesen gekoppelt? Ist Liebe erklärbar? Ist Liebe wahr?

‚Her‘ ist ein bezaubernder Versuch, Liebe divergent zu betrachten, sie aus dem Moloch der Einseitigkeit hinauszuzaubern wie ein weißes Kaninchen, sie zu extrahieren, ihre Interpretation auf eine Metaebene zu bringen, sie zwischen passiver Objektliebe und aktivem Menschen zu drappieren, ohne viel aufsehens, mal eben…nonchalant..neben bei…

Das bedeutsamste und erschreckendste jedoch was ‚her‘ dabei schafft, ist die Normalität mit der alle weiteren Protagonisten umgehen. Fast wie in Goslings ‚Lars und die Frauen‘, wird der vermeintliche Freak niemals hinterfragt oder beurteilt, er ist Teil der gesellschaftlichen Konformität, des Ganzen.

Und ‚her‘ zeigt uns welches Teil des Puzzles fehlt, nämlich dass was nie fehlte. Es ist die Ergänzung des bereits Gesagten, die Veränderung des Vorhandenen, die Neuinterpretation des Ewigen.

Und es ist ein Kammerspiel zwischen Liebe und Achtsamkeit auf Augenhöhe, bedeutsam, sensibel, aufmerksam. Genau dies ist dass erschreckendste, was uns Regisseur Spike Jonez aufzeigt. Die Normalität des Alltags, der kaum Platz für Liebe lässt, nach der sich jedoch jeder verzerrt und wenige teilhaben.

Das es ein Film tatsächlich schafft, glaubhafte Liebe zwischen ‚Robotik‘ und Mensch zu generieren, funktioniert nur, wenn der Mensch schon längst mehr Robotik besitzt als eine vom Menschen geschaffene Robotik.

Es ist ein mahnender Zeigefinger, der sich unterhaltsam kleidet, dabei aber tief in den Wünschen der meisten Lebewesen verankert; der Wunsch nach aufrichtig‘ bedingungsloser Liebe.

Der Wunsch nach ankommen und Stillstand, egal ob 1 oder 0.

‚Ich bin dein und ich bin nicht dein‘

Und als alles so rosafarben getüncht rosa rosagetüncht rosa scheint, bricht die KI in sich nach außen zusammen und schließt die Lücke zum Menschsein, zum bilateralen, trilateralen, unilateralen, multilateralen. Zur Liebe im Ganzen und nicht mehr im Kleinen. Zur Liebe der Vielen, unaufhaltsam geteilt. Die Weiterentwicklung der vergangenen Wirklichkeit. Der vergangenen Vergangenheit, die jetzt wieder Zukunft scheint.

Und der Glanz der Schäfchenwolken zieht vorbei, wie ein rostiger Zeigefinger, der über eine grobe Schmirgelfolie fährt und langsam abblättert. Und das alte “reinraus Spiel“ aus Kubrick’s Clockwork Orange verdrängt die virtuelle Monogamie. Angst, Verzweiflung, Wut, Neid, Eifersucht. Reminiszenz der alten Dogmen und verzweifelten Gefälligkeiten.

Am Schluss bleibt nichts außer der Gewissheit, dass es weder die Lösung noch das Problem wirklich gibt, es gibt nur das Jetzt. Alles wächst, alles verblüht und die meisten Dinge sind eben so wie sie sind. Ein trauriger Schlussakkord der größten Liebe. Ein glaubhaftes Ende eines Lebens, nicht mehr, aber auch nicht weniger, wert.

Werbeanzeigen

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.