Sorglose Untreue, die Macht des Fremdgangs und meine Oma

Die Geschichte meiner Großmutter und meines Großvaters, die wie selbstverständlich über die goldene Hochzeit verheiratet waren, rührt mich immer wieder.

Ich stamme aus der klassischen Proletarierschicht und sehr wenigen gelang es, aus diesem Umfeld etwas bewegend anderes zu gestalten, als ein arbeitendes Histogramm..ehrliche Arbeiterkinder.

Mein Opa war am Hafen, meine Großmutter putzte bei der Familie Werhahn (Ehepartner der Tochter Konrad Adenauers) und darauf war sie mächtig stolz. Hätte sie damals geahnt, das ich mich mit dem Mann von Libet Adenauer zum Kaffepläuschen traf und mehrfach beruflich auch auf die Werhahns, sie wäre mächtig stolz gewesen, konnte sie aber nicht, sie starb unwürdig abgemagert im Altenheim.

Meine Großmutter war nie auswärts, so formulierte sie es, wenn ihr Enkel, Kopfgrippe, in der Weltgeschichte segelte. Sie besaß einen schönen Mantel, sie besaß sehr häufig Mon Cherie und sie besaß meinen Großvater und sonst nichts. Von ihr lernte ich Demut, die mir bis 20 fehlte.

Mein Opa war im Krieg in russischer Gefangenschaft, die prägte. Meine Oma war in “Opagefangenschaft“, dies prägte.

Opa bekam immer quadratische Häppchen mit Gürkskes; ich bekam kein Milky Way, der war für Coco, den Pudel, nicht die Friese.

Vor Opa, der sich Oma in einer Kneipe schnappte, in der sie putzte, so sagte sie immer, mit diesem Ohjemine Gesichtsausdruck, als ob ihr damal keine Wahl bliebe, gab es Karl.

Karl war der bessere Opa, sagte Oma, nach Opas tot und die Liebesbeziehung zwischen ihnen war getragen von einem Apfel, den Karl, Eltern hatten einen Obstladen, meiner Oma gab.

Natürlich nur ein Partner, natürlich nur eine Ehe, natürlich niemals etwas anderes. Diese erfolgreiche Geschichte führte meine Mutter fort; mit vielen Tiefen, mit Höhen.

Solche Ehen klingen heutzutage fast anachronistisch, wo sich Singles zum feinen Fremdgehfick im Internet (“Sie haben sich eine Affäre verdient“) verarbreden, stündlich und dies noch als Teil eines werten Lebens und einer Abschnittsstrategie abfeiern.

Das Gerüst, Ethik, Werte, Moral, Anstand wird von dem gros ausgelacht und als eine vorsintflutliche Einstellung betrachtet.

Ist dem aber wirklich so?

Auf der Suche nach dem Kick werden immer wieder neue Barbie’s und Ken’s gedatet; manche haben am Wochenende nichts anderes vor, als dauernd den neuen Frosch zu küssen. Immer einen Anderen, jedes god damned Wochenende, mit Zunge.

Sodom und Gomorrha hinter Brokatvorhängen und Eichenschränken. Irgendwann kommt er, der die das Richtige und während wir uns prostituieren und uns einfach nur noch billig, schmutzig oder noch besser, klasse fühlen, rinnt das Leben vorbei wie flüssiger Sand durchs Abflussrohr.

Und irgendwann stehen wir da und erzählen über Karl und Opa und Peter und Tom und Frank und Markus und Jörg, Kevin, Thore, Tim, Lukas, Rouven, John,Jim, Lars, Kurt, Robert, Lars, Peter zwei, Markus fünf, Ben, Jonas, Gilbert, Leon, Maximilian Felix Noah Anton Alexander Liam Max Niklas Vincent Simon Rafael Johann Jesus Maria und der heilige Geist…

Ist es das Wert?

IST ES DAS WIRKLICH WERT?

Fall jemand die Hoffnung hegt, “so Kopfgrippe, da sag mal wo der Frosch die Locken hat“ muss ich ihn enttäuschen. Zwar gebe ich tatsächlich auf Facebook psychotherapeutische Videotipps, aber bei dieser Lösung kann ich auch nur unnütz blank ziehen.

Ich weiß es nicht. Sehr wohl kann ich eine Erfahrung teilen. Aus journalistischem und privatem Interesse, war ich 10 Jahre auf Singleplattformen, hatte ganze 2 Blinddates und lernte wirklich tolle gute Freundinnen kennen. Die ganzen Enttäuschungen, die Abwertung, die fehlende Höflichkeit, dieses blättern in Lebensgeschichten, wie in einem Candyshop ist fürchterlich und verbittert.

Den Lebenspartner fand ich nicht. Dies allerdings liegt wohl auch daran, dass ich die Grippe bin, die Frau nur zwischen den Zeilen findet und auf den Zeilen vermutet. Das Antonym unter den Synonymen.

Jedoch bin ich der festen Überzeugung, dass Anspannung auch zu Entspannung führen kann, wenn wir uns lösen. Wenn dann dieser Augenblick kommt, wo Karl wieder mal einen Apfel verteilt und du ohne Angst vor Vergiftung auch zubeißt, weil du das Blättern beendetest und nicht mehr ‚zu suchst‘, sondern nur noch findest, zu.

 

geehrt

Kopfgrippe

 

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4 Gedanken zu “Sorglose Untreue, die Macht des Fremdgangs und meine Oma

  1. Auf den Zeilen, dazwischen und darunter, das ist es nicht wert. Schon nach dem ersten verschimmelten Apfel ist das Vertrauen kaputt. Vertrauen in Menschlichkeit mag sein, Vertrauen in Menschen nein.

    Ich mag deine Themen. Hoffentlich ziehen sie Kreise in den Köpfen der Untreuen.

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    • Danke,

      ich Zweifel auch am Menschen…an ihren Vorstellungen eines ewigen Freizeitparks, aber soll für ewig die Einzimmer-Blockhütte in den Bergen das letzte Refugium der Zweieinsamkeit bleiben?

      Zwischenmenschliche “Aufgabe“ als zweckdienlichste Lösung, bevor der nächste Pfeil Achilles Ferse streift?

      Ja man kann oder schaukeln oder loslassen und eventuell gibt’s doch noch den goldenen Ritter, mit Kaugummiring, klapprigem Rad und verwahrlost freiem Hirn.

      Ich erreiche wer sehen möchte, anders sehen als davor. Meistens sind es die, die vorher schon anders sahen. Meistens die, die Blockhütten suchen oder Brennholz fanden.

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      • Lösung, zweckdienlich oder nicht, gibt es wohl nur im einzelnen, für einzelne – Menschenseelen – in Kollision mit Neumenschen und nächsten Leben im eigenen.

        Auf Brachland wachsen ja auch wieder Blumen. Der Boden bleibt selbiger, es ändert sich nur die Substanz. Wie mit Menschen, wir sehen selbige, der interne Speicher kann längst überschrieben sein oder lädt temporär neue Daten.

        Man kann selbst sein und anders sehen und andere sehen die anders sehen. Das ist ein guter Boden. Ob was drauf wächst? Entscheidet nicht einer alleine.

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