unterm Apfelbäumchen: Frau Dings, Schnodder, der Hund

Sie ist aus trockenem morschen Holz. Eine Lage grüner Farbe blitzt an einigen Ecken hervor. Die Bank ist alt, sie ist beschädigt und wurde augenscheinlich noch nie restauriert.

Schaue an mir runter, kommt mir bekannt vor. Früher war alles besser, auch die Stellen wo man gerne Haare hätte und die Stellen, woraus sie neuerdings wachsen.

Alt werden ist die größte Herausforderung, wenn man nicht früh genug damit anfängt. Zu spät….

Ich schaue an meinem leichten Bauchansatz runter, über den Geröllweg zu einem älteren Ehepaar. Händchenhaltend flanieren sie die Apfelbäumchenallee entlang. Ich schätze beide auf so ca. zwischen 67 und 110. Dank moderner Plastinierung ist das Alter für wohlhabende Mitmenschen nicht mehr über ihr Äußeres ersichtlich. Jetzt reckt sie ihren Hals und dreht sich um ca. 12 Grad in meine Richtung. Okay, 95. Dank moderner Plastinierung ist das Alter für wohlhabende Mitmenschen nicht mehr über ihr Äußeres ersichtlich, „außer am Hals“.

Ein Hund kläfft jetzt ca. 3 Meter von meinem Bankenimperium entfernt. Laut. Was will er denke ich mir? Die Bank? Mein Bein? oder Streß? Es ist einer von diesen Fußhupen, wo erst auf den zweiten Blick ersichtlich ist, ob es sich um eine mutierte Nacktschnecke oder einen ausgekotzten Katzenfusselball handelt. Das Bellen ist verdächtig, könnte aber auch ein Trick sein. Alles was sich in der Nähe von Banken abspielt, entspricht nicht immer der tatsächlichen Realität.

Es bellt weiter und nervt derbe. ‚Entschuldigung, ich mag diese Zwerghunde einfach nicht oder waren es ihre Besitzer?!?‘ Hab ich vergessen, als ich mir am Stück 4 Nasenhaare mit Daumen und Zeigefinger rausreiße. Scheiße tut das weh…. Tränen laufen über meine Wange als Frau Dings, offensichtlich zur Fußbremse gehörend, ein Taschentuch reicht.

„Trennung?“ fragt sie investigativ. Überlege, ob ich ihr von meinen ausgerissenen Nasenhaaren erzähle, an denen noch eine leichte Note Schnodder klebte, welchen ich geschickt auf das Fell des Fakehundes per Schnips drapierte. Finde diesen Umstand als Begrüßungsgeste Originell, schaue ob die Bank einen Papierkorb beinhaltet. Man weiß ja nie wie fremde Menschen auf eine solch‘ geballte Lebensrealität reagieren. Kein Papierkorb. Entscheide mich für die halbe Wahrheit, als ich ihr Taschentuch entgegen nehm. „Ja, Trennung!“ sage ich und suche den Pollock Schnodder Fleck im Fell des Zwergenhundes.

Stille, bellen, bellen, schniefen, Stille, bellen…

Frau Dings lächelt kurz ungelenk, dabei so künstlich wie eine Hüfte und klackert jetzt mit ihren ungemütlichen Klackerschuhen von dannen, während ihr Hund weiter in irgendeine sinnentleerte Richtung bellt. Höchstwahrscheinlich mit der Hoffnung irgendwas zu bewirken. Stelle mir gerade vor, wie ich bei uns in der Einkaufsstraße exakt das selbe täte wie dieser Fusselkotzball und werde ein wenig neidisch auf ein Hundeleben und seiner imponierenden Semantik.

Eine Tageszeitung fliegt an mir vorbei, besser gesagt ein gefaltetes Din A 4 Blatt mit der ersten Seite. Dort steht in großen Lettern „Alles wird gut“. Stehe auf, zerknülle das Blatt und werfe es in den imaginären Papierkorb.

Frau Dings und ihr Hund sind verschwunden. Während der Geröllweg leise unter meinen Füßen knistert, denke ich an den Film „In China essen sie Hunde“.

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