unterm Apelbäumchen: das weinende kleine Mädchen, das Schokoladenmonster

„HILFE HILFE HILFE“

Höre ich am späten Nachmittag ein jugendliches herzzereißendes Jammern aus Richtung Zebrastreifen.

“OH NEIN, OH NEIN“

Sehe ein junges Mädchen, ca 9 Jahre, die jetzt über den Zebrastreifen in meine Richtung läuft. Brauche nicht zu erwähnen was man denkt, wenn ein ca. 9jähriges Mädchen über den Zebrastreifen läuft und um Hilfe schreit. Der Beschützerinstinkt kommt in mir hoch. Defcon 1. Ich balle die Fäuste, spüre die Athritis in jedem Fingergelenk aber egal, jetzt heißt es — Ich gegen das Schokoladenmonster.

“HILFE OH NEIN, SCHLUCHZ, OH NEIN“

Das kleine Mädchen kommt, außer Atem, vor meiner Parkbank zum stehen. Große Tränen kullern über ihre Wangen und vermengen sich im Kies des Pflasters. Das tragische Weinen vermischt sich mit einem lebensbedrohlichen keuchen, als ob sie keine Luft mehr durch ihre Atemwege presst.

Jetzt schaut sie zu mir, hilfesuchend…

“WO, IST, ER?“ schreie ich sie an und schaue wie der rote Blitz auf Speed.

“Schluchz Schluchz…im….im….im Bus“, sagt sie leise wimmernd.

“IN WELCHEM BUS?“. Bin fassungslos, im Bus. Zivilcourage am Arsch. Typisch Deutschland. Kleine Mädchen werden den schlimmsten Dingen ausgesetzt und keiner greift ein.

“Hat dir niemand geholfen?“ frage ich.

“Nein, niemand. Was soll ich nur machen?“ antwortet das kleine Mädchen.

“Warte, las mich mal überlegen…..Ja, wir gehen sofort zu Polizei“, ich erschrecke gleichzeitig. Weg von der Parkbank, zur Polizei. Weiter Weg, zur Polizei. Aber ich kann das kleine Mädchen nicht alleine lassen. Wie sie da steht, zerzaust, nur mit einer viel zu dünnen Jacke bekleidet, schrecklich.

„…Ich will nach Hause…“, wimmert sie und erneut kullern ihr große schwere Tränen über die Wangen gen Boden.

“Ja, das verstehe ich, aber wir müssen zur Polizei. Damit sie den fremden Mann aus dem Bus noch festnehmen können. Wir rufen dann bei der Polizei deine Mama an, ja?“, bin komplett im Helikopter Ersatzeltern Modus.

Sie: „Welcher Mann?“

Ich: „Wie welcher Mann?!?“

Sie: „Meinen sie den Mann der neben mir saß?“

Das arme Kind, oh Gott, vollkommen verwirrt und gibt sich wahrscheinlich selbst die schuld.

“Ja der Mann der neben dir saß, damit der verhaftet wird“

Sie: „Meinen Sie, DER, hat meinen Rucksack mit dem Handy gestohlen?“

……….   …………..

. .   …………. ….

…………………s………………….

………………….rrr…………..

….       …….

Die Arthritis schmerzte, war keine, hatte nur vergessen die zu engen Handschuhe auszuziehen bevor ich die Fäuste ballte, fiel mir nur im Adrenalinrausch nicht auf.

Ich weiß. Ich hatte mir Übersprungshandlungen verboten und Zeiten wo Helikopter Ersatz Eltern den Ledergürtel zum verdreschen des Hinterns ihres Ersatz-Kindes nutzten sind heutzutage politisch unkorrekt. Würde ich auch nicht tun, niemals. Okay vielleicht…also, nein!, würde ich nicht, wirklich…

2 Stunden später, standen die Eltern des kleinen Mädchens vor mir und bedankten sich, dass ich so ein großes Verständnis hatte, für die existentielle Suche nach dem heiligen Gral des Funknetzes und der Bedeutung im Bezug auf das Klima, des Weltfriedens und der Weltherrschaft.

Ich erwähnte, dass ich mir, außer Kindstot, nichts schlimmeres vorstellen könnte. Ein Telefon zu verlieren, da ist ja, isja, also quasi, wie der Verlust der existenziellen Berechtigung auf ein Sozialleben.

Dies sagte ich sehr eindringlich, empfindsam ihren Eltern, bevor ich

“IHR verdammten VERDAMMTEN geistesgestörten nichtsnutzigen PIMMELLUTSCHER. Dieses kleine Feenwesen, sollte mit Puppen spielen, aber sich KEINEN Hochfrequenz-Sendemast ans Ohr hängen!!!.

Wie BESCHEUERT kann man eigentlich sein,  einer 9jährigen ein Handy zu kaufen UND SIE DAVON ABHÄNGIG ZU MACHEN WIE HEROIN??

WIEEEEE BESCHEUERTTTT! !!!“, eskalierte.

Die Polizei kam jetzt nicht ganz pünktlich und nahm merkwürdigerweise auch nur meine Personalien auf.

Ich mein…

blaues Auge schlagen hin oder her ist jetzt auch nicht die Lösung, aber was wirft sich die Kackbratze auch vor ihren Kerl…

Die Lage war nach 2 weiteren Stunden Handschellenfrei und stabil. Die beiden Vollpfostenantennen verließen murrend mein Einzugsgebiet und telefonierten, was auch sonst. Höchstwahrscheinlich untereinander, damit das monatliche Guthaben nicht verfällt.

“Die Gesellschaft ist verrückt“, dachte ich, als irgendwo neben mir ein Handy vibrierte. War dunkel, nahm nur das brummen wahr. Betastete jetzt unter der Parkbank die Pflastersteine und fand es.

Als ich auf das Display starrte, sah ich ein Foto der degenerierten Grinsekätzchen von eben, sie noch ohne blaues Auge.

Fand es nur fair, daraufhin eine Kurzmitteilung zu hinterlassen. Schrieb jetzt: „Ich weiß wo sie wohnen. Morgen Nacht kommt das Schokoladenmonster…“

Legte mich nun selbstzufrieden auf die pinke Bank und deckte mich mit dem virtuellen sonoren vibrieren des Telefons zu, bevor ich in datenlose zartbittre Träume glitt.

 

 

 

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