Taxifahrer unter Todesangst (live)

So, ich sitz grad zuhause und komm von der Kirmes, besser von der Karusselbar, heißt so, ist kein Karussell. Wenn jetzt jemand denkt, dies wäre der Ort in einer Kleinstadt, wo sich nur die Subkultur des niedrigen Bildungsniveaus trifft, kann ich nur streng ergänzend hinzufügen:

Stimmt, kann ich nix ergänzend hinzufügen.

Es lief deutscher Diskofoxschlager, man trinkt Kurze und Bier und Bier und Kurze und kotzt irgendwann auf einen Polen der einem schöne Augen macht.

Es war stinklangweilig, ich war fast nüchtern und die Gespräche kumulierten sich auf den kleinsten Teiler von „Tratsch“. Niemand hatte gute Laune, alles schmeckte Scheiße, die Cocktails waren ein Zucker, Benzol, Wassergemisch und die Mischpoke soweit unten in der IQ Skala, dass es grundsätzlich der perfekte Dosenöffner für Inhalt wäre. Für Euch. Jedoch passierte nix, gar nix. Versprochene Peinlichkeiten blieben aus. Homoerotik schwängerte die flirrende Biergemischluft und verwässerte sich mit Grunzlauten zu „Sie liebt den DJ“. Musik die man auch mit Mischkonsum nicht rettet.

So öde, wie ein Dreier mit 2 Handpuppen, aber dann:

Ich war frustriert, die Füße taten weh und im Kopf hatte ich noch ne PolkadotOberteilGroßmutter, die dauernd an mir vorbeilief und die eigene Grabesrede höchstwahrscheinlich schon vor 10 Jahren in Auftrag gab. Ich fühlte mich alt, sehr alt, ich mag es mich selber zu verarschen, aber wenn es andere Gerontos nur alleine mit ihrer Anwesenheit schaffen, wird’s persönlich. Ich hasse Spiegelbilder.

Aber dann:

Wie gesagt ich war müde und mir war langweilig, niemand rettete meinen Geist mit dummer Handlung und niemand erkannte meine wahre Größe indem er mir huldigte.

Aber dann

gingen wir runter vom Platz. 3 übriggebliebene Restrampenmilfs tanzten rechts Salsa an einer Bierbude. Dieses Bild hatte was vom goldenen Handschuh und Fritz Honka. Innerlich überlegte ich, ob ich irgendwo in meiner Hosentasche Schokolade oder ein Beil hatte. Ich hatte noch nicht mal einen Ständer, unerträglich, diese Peinlichkeit zu ertragen. Mir kam Udo Jürgens „Ich war noch niemals in New York“in den Sinn, der 3 Stunden vorher über die Karusselbarbox dröhnte. Die drei Grazien, waren weder in New York noch auf Haiwaii, höchstwahrscheinlich  noch nie in einem anderen Stadteil, ein Elend…

Aber dann riefen wir ein Taxi, also wir gingen zum Taxi und stiegen zu dritt ein. Beste Freundin hinter den Fahrer, ich daneben auf den Kindersitz, vorne andere Freundin.

Sofort nach Fahrtbeginn sagte beste Freundin:

„Wie heißen Sie?“

Dachte jetzt nicht, dass sie noch die Muße hatte einen Taxifahrer abzuschleppen, aber wenn mein Abend schon Scheiße war, gönnte ich ihr doch noch ne Runde Rückwärts aufem Fleischkarussel.

Er war sichtlich irritiert, war ja kein Vorstellungsgespräch und sagte:

Ali: “Ali“

Nicole: “Hallo Ali, ich bin Nicole“

Ganz ehrlich, nur mal theoretisch nachgedacht. Du bist in einem Taxi Taxifahrer, es ist Nacht und jemand setzt sich hinter dich wo du ihn eh nicht siehst und er fragt nach deinem Namen und du dich vorstellst, was würdest du denken?

Ich, dachte an Misery und ihren Hammer.

Ich schaute zum Taxifahrer. Er betete nicht. Ich konnte mir allerdings ein leises kichern nicht verkneifen. Das allerdings ist nicht der Rede wert, weil der Wahnsinn an Verrücktheit kam jetzt:

(ich möchte kurz erwähnen, dass keiner von uns rotzbesoffen war oder zu lange am Crackstein schnüffelte)

und dann

sagte Sie:

“ICH SAMMEL TAXIFAHRERNAMEN“

.

..

…wtf?!?…

…..D’oh……?!

Sagen wir so, ich bin einiges gewohnt. Kenne Menschen die Freundinnen hatten die wollten, dass sie auf einen Glasstisch kotet und er drunter liegt. Ich kenne alles, alles. Abgründe sind mein Special Feature aber dieser Wahnsinn war sogar mir fremd,

Ich brach im Taxi in dieses Shining lachen aus, vor Angst und dachte noch nach, ob das jetzt echt passierte.. ja es passierte.

Meine beste Freundin sammelt TAXIFAHRERNAMEN und sammelt die…Wo? Nirgendwo? „Sie vergisst sie wieder“, ihr Wortlaut. Ein schönes Hobby. So normal wie mit Blinden blinde Kuh zu spielen, an einer Klippe.

Ali war irritiert. Ich konnte es ihm nicht verdenken. Alis Frau würde sich wundern, wenn Ali morgen nicht nach Hause käme , zu Mohammed und Fatima und meine beste Freundin wieder einen Namen vergaß.

Man guckt ja den Menschen auch nur vor den Kopf und nicht in ihre Verrücktheit.

Wie beiläufig erwähnte das Mädel vorne sitzend, dass sie bestätigend sagen kann, dass Nicole „TAXIFAHRERNAMEN“ sammelt, so wie Muscheln oder Schrumpfköpfe.

Was aber mache ich mit Ali, dachte ich? Sollte ich bis zur Endstation mit ihm fahren, nur zur Sicherheit und ihn zuhause bei Eische abliefern oder als erster aussteigen wie besprochen?

Ali sagte noch „Zum Glück weiß sie ja nicht wo ich wohne“ und ich verkniff mir zu sagen: „Ach Ali, wer Taxifahrernamen sammelt, für den ist die Adresse eine unbedeutende Kleinigkeit.“ Triebhaftigkeit macht erfinderisch, fragt meine Exen.

Nachdem ich dann verlautbarte, dass sie als Neusser Serienkillerin noch nie in Erscheinung trat, sagte Sie:

„Naja, ich sitze ja nicht umsonst hinter Ihm.“

Wir werden morgen in der Zeitung lesen ob Eische, Ali vermisst und wie es Fatima und Mohammed damit geht. Ich sach ja immer, verteufelt mir die Kapital-Lebensversicherung nicht.

Das schöne ist, wir hier in unserer kleinen Stadt, wissen was Inklusion wirklich bedeutet und haben augenscheinlich jede Hautfarbe zum fressen gern.

Gut, hilft Ali jetzt wenig.

Meine Stadt…., die Langeweile in Person, aber dann doch immer wieder für eine grobe deftige Überraschung gut.

 

Nachtrag:

Diese Kolumne widme ich allen Neusser Taxifahrern, also den noch Lebenden und aufgemerkt, wenn jemals jemand bei euch ins Taxi steigt und sich mit dem Namen „Nicole“ vorstellt und euch nach eurem Namen fragt:

rennt

weit

 

 

2 Gedanken zu “Taxifahrer unter Todesangst (live)

    • Allerdings. Grundsätzlich sind ja Superlative nötig, um Rezipienten in ne Richtung zu triggern. Hier war aber null fakenews; zumindest bescherte es mir ein paar Zeilen aus dem inneren Geistesleierkasten eines anderen Menschen. Nicole lachte übrigens Tränen. Natürlich holte ich mir vorher die Erlaubnis. Freunde führe ich sehr gerne vor, aber nicht mit Klarnamen. Kotiert.

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